Du kannst das Falsche perfekt organisieren

Lesezeit: ca. 5 Minuten


Wenn ich ein neues Projekt anfange, sieht es meistens erst einmal ziemlich chaotisch aus. Ideen liegen nebeneinander, Dinge werden ausprobiert, wieder verworfen und neu gedacht. Ich habe noch keine klare Struktur, weil ich zu diesem Zeitpunkt meistens noch gar nicht weiß, wie das Projekt am Ende tatsächlich aussehen wird.

Früher hätte mich dieser Zustand wahrscheinlich mehr gestört. Ich dachte, man müsste möglichst früh Ordnung schaffen, damit man später sauber arbeiten kann. Also Ordner anlegen, Aufgaben sortieren, Abläufe festlegen und sich überlegen, welches System man für was verwenden möchte. Schließlich fühlt sich Struktur gut an. Sie vermittelt das Gefühl, dass man etwas im Griff hat.

Heute sehe ich das etwas anders.

Wenn ich mit etwas Neuem anfange, versuche ich nicht mehr sofort, Ordnung hineinzubringen. Ich lasse erst einmal zu, dass sich die Dinge entwickeln. Denn eigentlich ist es doch logisch: Wie soll ich etwas sinnvoll strukturieren, wenn ich selbst noch nicht weiß, was davon am Ende überhaupt gebraucht wird?

Ein neues Projekt beginnt für mich deshalb eher auf einem weißen Blatt. Und auf diesem weißen Blatt gibt es zunächst einmal keine Struktur. Es gibt Ideen, Möglichkeiten und viele offene Fragen.

Erst während der Arbeit zeigt sich, was davon wichtig ist.

Ich merke, welche Aufgaben immer wieder auftauchen, welche Informationen ich tatsächlich brauche und welche Dinge nur am Anfang eine Rolle gespielt haben. Manche Abläufe, die ich mir vorher überlegt hatte, funktionieren in der Praxis überhaupt nicht. Andere entstehen ganz nebenbei, weil ich etwas mehrfach auf dieselbe Weise mache.

Genau daraus entsteht irgendwann Struktur.

Das finde ich inzwischen ziemlich interessant. Struktur ist nicht immer etwas, das man am Anfang festlegt. Oft ist sie etwas, das sich aus der Arbeit heraus entwickelt.

Man könnte auch sagen: Erst muss ein bisschen Chaos entstehen, damit man überhaupt erkennen kann, was später geordnet werden soll.

Das gilt besonders bei neuen Projekten. Wenn ich heute schon weiß, dass bestimmte Aufgaben regelmäßig anfallen werden, kann ich dafür natürlich von Anfang an einen sinnvollen Ablauf schaffen. Aber vieles weiß ich eben noch nicht. Und wenn ich dann trotzdem versuche, alles perfekt zu organisieren, baue ich eine Struktur auf Vermutungen.

Das kann sogar mehr Arbeit machen als das eigentliche Chaos.

Ich kann beispielsweise am ersten Tag eine wunderschöne Ordnerstruktur erstellen. Ich kann mir Gedanken über Dateinamen machen, Unterordner anlegen und alles sauber sortieren. Wenn ich aber drei Monate später feststelle, dass ich ganz anders arbeite als gedacht, war diese ganze Ordnung vor allem eines: zusätzliche Arbeit.

Deshalb habe ich inzwischen weniger Angst vor einem etwas unordentlichen Anfang. Nicht, weil ich Chaos besonders schön finde. Das wäre bei mir auch eher unwahrscheinlich. Ich mag Ordnung durchaus. Aber ich möchte nicht mehr Ordnung herstellen, nur damit es ordentlich aussieht.

Ich möchte, dass sie einen Zweck erfüllt und dafür brauche ich manchmal erst Erfahrung. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich bei neuen Projekten nicht mehr alles von Anfang an festlegen würde. Ich möchte erst sehen, was tatsächlich passiert. Was funktioniert. Was sich wiederholt. Was unnötig ist. Was bleibt und was nach kurzer Zeit wieder verschwindet.

Mit der Zeit entsteht daraus ein Bild und wenn dieses Bild klarer wird, wird auch die Struktur klarer.

Aus einzelnen Aufgaben wird ein Ablauf. Aus verschiedenen Dateien wird eine sinnvolle Ablage. Aus vielen Ideen wird vielleicht ein konkretes Angebot. Aus dem anfänglichen Durcheinander entsteht etwas, das sich ordnen lässt.

Dann macht Struktur plötzlich Sinn.

Vielleicht versuchen wir deshalb manchmal zu früh, Ordnung zu schaffen. Wir verwechseln Struktur mit Kontrolle. Wenn alles einen festen Platz hat, fühlt es sich an, als wäre das Projekt schon weiter, als es tatsächlich ist.

Aber ein sauber angelegter Ordner bedeutet noch lange nicht, dass man weiß, was man dort ablegen wird.

Eine perfekt geplante Aufgabe bedeutet noch lange nicht, dass sie später überhaupt gebraucht wird.

Ein ausgefeilter Prozess kann sich als völlig überflüssig herausstellen, sobald man einmal angefangen hat, wirklich damit zu arbeiten.

Ich finde den Gedanken inzwischen ziemlich befreiend, nicht jede Unordnung muss sofort beseitigt werden. Manche Unordnung ist einfach ein Zeichen dafür, dass etwas noch entsteht. Das bedeutet natürlich nicht, dass man dauerhaft im Chaos bleiben sollte. Irgendwann kommt der Punkt, an dem aus dem Ausprobieren ein Muster wird. Dann lohnt es sich, dieses Muster bewusst zu machen und ihm eine Struktur zu geben.

Für mich ist das inzwischen die sinnvollere Reihenfolge: erst machen, dann beobachten, dann verstehen und erst danach strukturieren.

Vielleicht ist Struktur deshalb viel weniger der Anfang, als wir denken. Sie ist oft das Ergebnis von Erfahrung. Und vielleicht müssen wir nicht jedes neue Projekt sofort ordentlich aussehen lassen. Vielleicht reicht es am Anfang völlig aus, herauszufinden, was daraus überhaupt werden soll.

Wenn du beim Lesen an dein eigenes Business denkst und merkst, dass du an manchen Stellen vielleicht längst versuchst, etwas zu strukturieren, das sich eigentlich noch verändert, kann der Klarheitskompass dabei helfen, einmal genauer hinzuschauen. Nicht um sofort ein neues System zu bauen, sondern um zu erkennen, wo gerade tatsächlich Klarheit fehlt und wo vielleicht einfach noch Entwicklung stattfindet.

Denn manchmal braucht ein Projekt am Anfang keine bessere Struktur.

Es braucht erst einmal die Freiheit, ein bisschen chaotisch zu sein.

Auf mehr Leichtigkeit,
Michaela


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