Was wir behalten, nur weil es schon da ist

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Vor einigen Jahren habe ich eine Dokumentation gesehen, in der es um einen Unternehmer ging, der nur etwa 20 Gegenstände besaß. Ich weiß heute nicht mehr, wie die Dokumentation hieß und auch nicht mehr, was genau ihn zu diesem Leben gebracht hat. Aber an eine Sache erinnere ich mich noch: an diese Zahl. 20. Nicht 200, nicht 100, sondern zwanzig Gegenstände.

Damals fand ich den Gedanken faszinierend. Nicht unbedingt, weil ich selbst nur noch zwanzig Dinge besitzen wollte. Dafür war mir die Vorstellung dann doch zu radikal. Interessant fand ich vielmehr die Frage dahinter: Wie wenig braucht ein Mensch eigentlich wirklich? Und wie viel von dem, was wir besitzen, benutzen wir tatsächlich noch?

Irgendwann habe ich angefangen, diese Frage auf meine eigenen Sachen anzuwenden. Ich bin durch Schränke und Schubladen gegangen, habe Dinge in die Hand genommen, die ich irgendwann einmal gekauft und seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Vieles davon war nicht besonders wertvoll. Manche Dinge hatte ich längst vergessen. Sie waren einfach noch da, weil sie schon immer da gewesen waren.

Das Merkwürdige am Aussortieren war, dass es sich überhaupt nicht nach Verzicht angefühlt hat, eher nach Platz. Je weniger Dinge herum lagen, desto leichter wurde es. Nicht, weil mein Leben dadurch plötzlich einfacher geworden wäre, sondern weil etwas verschwunden war, das vorher ständig ein kleines bisschen Aufmerksamkeit beansprucht hatte.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass genau dasselbe im Business passiert. Nur sieht man dort die Dinge nicht unbedingt. Sie liegen nicht in Schubladen, sondern im Kalender, im Postfach, auf der Website, in der Software und in unseren To-do-Listen.

Ein Business beginnt meistens ziemlich einfach. Ein paar Kunden, ein Angebot, ein Kalender, eine E-Mail-Adresse, vielleicht eine Website und einige wenige Abläufe, die sich mit der Zeit eingespielt haben. Dann kommt irgendwann das nächste Tool dazu. Ein weiterer Kanal. Ein neues Angebot. Eine Automatisierung. Ein Projekt, das interessant klingt. Ein Prozess, den man einmal eingeführt hat, weil er damals sinnvoll erschien. Nichts davon ist für sich genommen ein Problem. Im Gegenteil: Meistens entsteht jedes einzelne Teil aus einer vernünftigen Entscheidung.

Nur sammeln sich diese Entscheidungen.

Und irgendwann besteht das Business nicht mehr nur aus dem, was man eigentlich tun möchte, sondern auch aus allem, was im Laufe der Zeit dazugekommen ist. Das Interessante ist, was dann häufig passiert. Wenn ein Business komplizierter wird, versuchen wir selten als Erstes herauszufinden, was davon überhaupt noch notwendig ist. Wir suchen nach besseren Möglichkeiten, die gewachsene Komplexität zu verwalten. Wir bauen Ordnerstrukturen, verbessern Prozesse, suchen nach einem geeigneteren Tool oder automatisieren einen weiteren Arbeitsschritt. Wir versuchen, das System effizienter zu machen.

Das ist nicht grundsätzlich falsch. Aber manchmal ist es eine erstaunlich aufwendige Art, Dinge am Leben zu halten, die wir eigentlich gar nicht mehr brauchen.

Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis von Verbesserung. Wir denken bei Verbesserung meistens daran, etwas Bestehendes besser zu machen. Ein schnellerer Prozess, ein besseres Tool, eine sauberere Organisation oder eine effektivere Automatisierung. Aber nicht jede Verbesserung muss innerhalb des bestehenden Systems stattfinden.

Manchmal ist die bessere Lösung, einen Teil des Systems zu entfernen.

Ein Prozess, der nicht mehr nötig ist, muss nicht optimiert werden. Ein Angebot, das kaum jemand kauft, braucht vielleicht keine bessere Verkaufsseite. Ein Kanal, der mehr Aufmerksamkeit kostet als er zurückbringt, braucht möglicherweise keine ausgeklügeltere Content-Strategie. Und eine Aufgabe, die nur noch existiert, weil man sie irgendwann einmal eingeführt hat, muss nicht effizienter werden. Sie kann vielleicht einfach verschwinden.

Das klingt offensichtlich. Im Alltag handeln wir trotzdem selten danach. Wir fragen uns eher, wie wir etwas schneller erledigen können, als ob bereits feststeht, dass wir es weiterhin erledigen müssen. Wir fragen, welches Tool uns dabei helfen könnte, als wäre die Existenz des Problems schon eine Tatsache. Wir überlegen, wie wir mehr Kunden, mehr Angebote oder mehr Kanäle unterbringen können, anstatt gelegentlich zu fragen, ob wir das alles überhaupt noch wollen.

Vielleicht ist die bessere Frage deshalb nicht: Wie kann ich mein Business besser organisieren?

Sondern: Was davon müsste eigentlich gar nicht mehr organisiert werden?

Ich finde diese Frage deshalb interessant, weil Weglassen sich so wenig nach Fortschritt anfühlt. Wenn du ein neues Produkt entwickelst, ist etwas entstanden. Wenn du einen neuen Kunden gewinnst, ist etwas passiert. Wenn du ein neues Tool einführst, kannst du darüber sprechen. Selbst ein neuer Prozess vermittelt das Gefühl, dass dein Business professioneller wird.

Weglassen ist unsichtbar.

Niemand sieht, dass du eine Software gekündigt hast, die du nicht mehr brauchst. Niemand applaudiert, wenn du ein Angebot aus deinem Portfolio streichst. Niemand bekommt mit, dass du einen Prozess abgeschafft hast, weil er inzwischen mehr Arbeit verursacht als Nutzen bringt. Und trotzdem kann genau darin ein größerer Fortschritt liegen als in der nächsten Sache, die du hinzufügst.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir so schlecht darin sind, Dinge loszulassen. Wir verwechseln das, was bereits existiert, mit dem, was noch wichtig ist.

Ein Gegenstand, der seit zehn Jahren im Schrank liegt, fühlt sich irgendwann selbstverständlich an. Ein Prozess, der seit drei Jahren im Unternehmen läuft, wirkt irgendwann notwendig. Ein Angebot, das schon immer auf der Website steht, fühlt sich an, als müsse es dazugehören. Ein Tool, für das jeden Monat Geld abgebucht wird, wird Teil des Systems, ohne dass noch jemand genau weiß, warum. Dabei ist Dauer kein Beweis für Notwendigkeit.

Etwas kann einmal sinnvoll gewesen sein und heute trotzdem überflüssig sein. Das gilt vielleicht sogar noch stärker im Business als bei materiellen Dingen. Denn ein Gegenstand nimmt Platz ein. Eine unnötige Struktur nimmt Aufmerksamkeit ein. Sie muss gepflegt, überprüft, erklärt und irgendwann wieder verändert werden. Sie erzeugt kleine Entscheidungen, kleine Aufgaben und kleine Verpflichtungen. Nichts davon fühlt sich für sich genommen besonders schwer an. Aber zusammen können diese Dinge ein Business erstaunlich voll machen.

Und mit einem vollen Business passiert etwas, das leicht übersehen wird: Es wird nicht nur schwieriger, das Unternehmen zu führen. Es wird auch schwieriger, überhaupt noch zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem "weniger ist mehr" für mich eine andere Bedeutung bekommt. Es geht nicht darum, möglichst wenig zu besitzen, möglichst wenig zu arbeiten oder ein Business künstlich klein zu halten. Ein Unternehmen mit fünf Angeboten ist nicht automatisch besser als eines mit einem. Mehr Kunden sind nicht grundsätzlich schlecht. Mehr Prozesse können an manchen Stellen genau das Richtige sein.

Einfachheit bedeutet nicht, alles wegzulassen. Sie bedeutet, nicht mehr Komplexität zu tragen, als tatsächlich notwendig ist. Dafür braucht es allerdings eine Entscheidung, die im Alltag leicht untergeht: regelmäßig zu prüfen, was überhaupt noch dazugehört. Nicht nur zu überlegen, was als Nächstes kommen soll, sondern auch, was nicht mehr mitkommen muss.

Ich denke dabei noch immer an diese zwanzig Gegenstände aus der Dokumentation. Nicht als Ziel und schon gar nicht als Regel. Eher als Gedankenexperiment. Wenn du dein Business auf zwanzig Dinge reduzieren müsstest, welche würden bleiben?

Vielleicht deine wichtigsten Kundenbeziehungen. Vielleicht ein bestimmtes Angebot. Vielleicht zwei oder drei Werkzeuge, ohne die deine Arbeit tatsächlich nicht funktionieren würde. Vielleicht ein paar Abläufe, die dir Zeit sparen und Qualität sichern. Und dann gibt es wahrscheinlich Dinge, bei denen du länger überlegen müsstest. Nicht, weil sie besonders wichtig sind, sondern weil du dich daran gewöhnt hast, dass sie da sind.

Genau dort wird die Frage interessant. Nicht bei dem, was offensichtlich notwendig ist, sondern bei dem, dessen Notwendigkeit wir nie wieder hinterfragt haben.

Ich glaube inzwischen, dass ein gutes Business deshalb nicht nur dadurch entsteht, dass man die richtigen Dinge hinzufügt. Es entsteht auch dadurch, dass man bereit ist, Dinge wieder herauszunehmen. Angebote, die nicht mehr passen. Prozesse, die niemand mehr braucht. Verpflichtungen, die einmal sinnvoll waren. Projekte, die man nur deshalb weiterführt, weil man bereits Zeit hineingesteckt hat. Das kann sich zunächst wie ein Rückschritt anfühlen. Tatsächlich schafft es oft erst den Raum für das, was wirklich wichtig ist. Vielleicht ist Wachstum deshalb nicht immer das Hinzufügen von mehr. Manchmal besteht Wachstum auch darin, etwas nicht mehr mitzunehmen.

Ein Business darf weniger Angebote haben und dadurch klarer werden. Es darf weniger Prozesse brauchen und dadurch beweglicher werden. Es darf weniger Kanäle bedienen und dadurch wieder Aufmerksamkeit für das Wesentliche haben. Und es darf sogar kleiner werden, wenn es dadurch besser zu dem Leben passt, das man eigentlich führen möchte.

Denn ein Business kostet nicht nur Geld und Zeit. Es kostet Aufmerksamkeit. Entscheidungen. Erreichbarkeit. Verantwortung. Mentale Energie. Jedes zusätzliche Element nimmt ein kleines Stück davon in Anspruch.

Deshalb ist die Frage "Was kann ich noch schaffen?" irgendwann vielleicht weniger interessant als die Frage "Was muss ich eigentlich nicht mehr tragen?"

Die zwanzig Gegenstände aus der Dokumentation sind für mich nie zu einer konkreten Zahl geworden. Sie sind eher eine Erinnerung an genau diese Frage.

Was brauche ich wirklich?

Nicht, weil alles andere schlecht ist. Nicht, weil weniger grundsätzlich besser wäre. Sondern weil wir manchmal erst dann merken, wie viel wir tragen, wenn wir anfangen, etwas davon abzulegen. Vielleicht geht es bei Einfachheit deshalb gar nicht darum, möglichst wenig zu haben. Vielleicht geht es darum, nur noch Dinge mitzunehmen, von denen wir tatsächlich wissen, warum wir sie brauchen. Und vielleicht ist das eine der wertvollsten Entscheidungen, die wir für unser Business treffen können: nicht ständig zu überlegen, was noch dazukommen soll, sondern hin und wieder stehen zu bleiben und zu fragen, was eigentlich weg kann.

Auf mehr Leichtigkeit,
Michaela

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